50 Jahre „Grüne Charta von der Mainau“

Am 22. Oktober 2011 fand auf Schloss Mainau, dem "Geburtsort" der „Grünen Charta“, ein Festakt zum 50jährigen Jubiläum dieses Dokuments statt, bei dem Graf Björn Bernadotte die Entstehung der „Grünen Charta“ und die Bedeutung dieses Dokuments würdigte. Prof. Dr. Klaus Töpfer, früherer Bundesumweltminister und langjähriger Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, beschrieb in seiner Festrede die visionären Forderungen des Dokuments im Kontext der damaligen Zeit und wies auf die grundsätzliche Aktualität hin.

Die Nachkriegszeit war die Zeit des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswachstums. Die Anliegen des Naturschutzes und der Landschaftspflege hatten in dieser Zeit wenig Bedeutung. Die ausgehenden 1950er Jahre waren in Westdeutschland geprägt von sich beschleunigenden technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen, begleitet von wachsenden Ansprüchen der Landnutzer und starken, in ihrer Wirkung nicht hinterfragten Eingriffen in Natur und Landschaft, Ressourcenverbrauch und Einsatz von Umweltgiften. Die Folgen waren überall spür- und sichtbar: radikale Flurbereinigung, Intensivierung der Landnutzung, Gewässerbegradigungen, Schadstoffbelastungen von Boden, Wasser und Luft sowohl in den industriellen Ballungsgebieten als auch in weniger dicht besiedelten Räumen. Sichtbare Zeichen für die Umweltbelastung waren Schaumberge auf Bächen und Flüssen, Fischsterben sowie sich häufende Inversionswetterlagen mit die Gesundheit gefährdenden Smogbildungen über Städten und Industriegebieten.

Die„Grüne Charta von der Mainau“ vom 20. April 1961, die Graf Lennart Bernadotte im Rahmen der Mainauer Gespräche vorlegte, warnte in aufrüttelnden Worten vor einer Fortsetzung dieses Weges. Auch wenn oder gerade weil die Umwelt als Politikfeld erst ab dem Beginn der 1970er Jahre eine Rolle spielte, ist die „Grüne Charta“ im Rückblick daher weitsichtige Mahnung und fortschrittliche Anleitung zum politischen Handeln zugleich. Sie forderte eine grundsätzliche Überprüfung des Weges, den die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland im Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen und der Kulturlandschaft eingeschlagen hatte. Sie stellte mit Stringenz und unmissverständlichen Worten die natürlichen Lebensgrundlagen und die Landschaft als Grundlage für die Entwicklung von Technik und Wirtschaft und die Konflikte heraus, die sich aus der Bedrohung der natürlichen Ressourcen ergeben.

Die „Grüne Charta“ fiel in eine Zeit des Vakuums auf natur- und umweltschutzpolitischem Gebiet.
Dieses frühe Dokument kann von seiner Ausrichtung her durchaus mit späteren Dokumenten dieser Art, z. B. mit der auf der Weltkonferenz „Umwelt und Entwicklung“ in Rio de Janeiro 1992 beschlossenen, allerdings viel umfangreicheren „Agenda 21“, verglichen werden.

Sie gehört zu den zentralen Dokumenten deutscher Umweltgeschichte, weil sie erstmals verdeutlichte, dass Natur- und Umweltschutz weit über Heimat- und Landschaftsschutz hinausgehen und Planung und Entwicklung umfassen.

Die „Grüne Charta“ forderte den Dialog: Naturschützer und Nutzern sollten gemeinsam den Zustand von Natur und Landschaft überprüfen und einen Ausgleich zwischen den Erfordernissen zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen und denen einer wirtschaftlichen Landnutzung und deren Zielen (Ernährungssicherheit, Holzproduktion) suchen. Sie appellierte an die verantwortlichen Stellen und die Bürger, ihren Beitrag zur Erhaltung und Entwicklung einer gesunden und ästhetisch ansprechenden menschenwürdigen Umwelt zu leisten. Sie sprach in einer Zeit, in der nur wenige mitgliederstarke und schlagkräftige Natur- und Umweltschutzverbände aktiv waren, alle wesentlichen Belange des Natur- und Umweltschutzes an.

Erstmalig wurde der Schutz des Bodens ausdrücklich hervorgehoben. Eine Raumordnung unter Berücksichtigung der natürlichen Gegebenheiten und unter Nachhaltigkeitsaspekten und die Aufstellung von Landschaftsplänen in allen Gemeinden wurden gefordert. Die „Grüne Charta“ forderte dazu auf, vermeidbare landschaftsschädigende Eingriffe zu unterlassen und unvermeidbare Eingriffe zu kompensieren. Damit formulierte sie die Idee einer Eingriffs-/Ausgleichsregelung.
Die Grüne Charta verlangte Öffentlichkeitsarbeit, Umweltbildung und Umweltforschung. Mit ihren Feststellungen und Forderungen stellte sie eine bis dahin fehlende Gesamtkonzeption für die Beachtung und die Berücksichtigung der natürlichen Lebensgrundlagen dar.

Der Einfluss der „Grünen Charta“ auf die Entwicklung des Natur- und Umweltschutzes, aller räumlichen Planungsinstrumente, die Nutzung der Naturgüter, die Erhaltung historischer Kulturlandschaften, die Gestaltung neuer Landschaften, das Herausbilden eines Umweltbewusstseins in der breiten Bevölkerung, letztlich auch auf das Konzept der nachhaltigen Entwicklung ist kaum zu unterschätzen.

Der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke war vom Inhalt und der Bedeutung der „Grünen Charta“ überzeugt und erklärte sich 1962 bereit, durch Berufung des Deutschen Rates für Landespflege zur Umsetzung ihrer Forderungen beizutragen und auch selbst die Schirmherrschaft über diesen Rat zu übernehmen.

Die „Grüne Charta“ war zur Zeit ihrer Verabschiedung in der Fachöffentlichkeit und weit darüber hinaus vielbeachtet. Zwischenzeitliche Bilanzen und aktuelle Arbeiten – z. B. auch die Veröffentlichungen des DRL – zeigen, dass in der Umsetzung aller Forderungen der „Grünen Charta“ bemerkenswerte Erfolge zu verzeichnen, aber nach wie vor Defizite bei der Umsetzung festzustellen sind. Natur und Landschaft sind heute andersartigen, teils globalen Prozessen und Herausforderungen ausgesetzt, auf die die „Grüne Charta“ zeitbedingt nicht eingehen konnte. Zu nennen sind die Globalisierung in Wirtschaft und Kommunikation, der Klimawandel, die Abkehr von der Energieerzeugung aus fossilen Energieträgern und die Umstellung auf regenerative Quellen, die Erhaltung der biologischen Vielfalt, der Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen, die Meeresverschmutzung und die Überfischung der Meere, die Erschließung neuer Ressourcen, die Berücksichtigung von Ökosystemleistungen, der demografische Wandel und Migration, Regionalentwicklung, Partizipation und die Vision einer Bürgergesellschaft.

Eine neue „Grüne Charta von der Mainau“ kann und wird es nicht geben; aber ihr Inhalt kann weiterhin „Taten auslösen. Dieser bedarf unsere Zeit am dringlichsten“ (Wortlaut aus der Grünen Charta).

Den Festakt schloss Prof. Dr.-Ing. Schipanski als Vorsitzende des Stiftungsvorstandes der Lennart-Bernadotte Stiftung mit der Ehrung zweier Institutionen für langjähriges Engagement im Sinne der Forderungen der Grünen Charta. Links mit Prof. Dr. Konold, Sprecher des Deutschen Rates für Landespflege, und rechts mit Herrn Zwermann, Präsident der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft.

Klingen soll vor allem die Forderung nach Taten, denn „dieser bedarf unsere Zeit am dringlichsten“.

 

 

letzte Aktualisierung: 10.10.2013